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kugelschreiber

____________ Leontine Back ____________

 

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Beitrag entnommen aus
»Collection deutscher Erzähler«
Ausgabe 2011
R.G.Fischer Verlag

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DIE MISSION

Als er die Tür seiner Kanzlei geschlossen hatte und die Treppe heruntersteigen wollte, hob er seinen Kopf und betrachtete die Flurbeleuchtung, die ihm heute sehr schwach vorkam. Sie war eindeutig zu schwach für solche düsteren alten Häuser mit hohen Decken und breiten Treppenstiegen, dachte er und stützte sich beim Runtersteigen leicht am kunstvoll geschmiedeten Eisengeländer. Die Stiegen aus altem Eichenholz knarrten unter seinen schweren Schritten.

Dr. Schwarz war ein schon in die Jahre gekommener Notar von großer Statur, sehr kräftig gebaut, kahlköpfig, hochwertig gekleidet und doch wirkte er eher nachlässig durch die bis unter den Bauch gerutschte Hose, die somit zu lang erscheint, und durch den nicht zugeknöpften Wintermantel, der jetzt beim Betreten der Straße im scharfen Wind regelrecht auseinanderflog. Er eilte durch die Straßen und überlegte, wo er am ruhigsten und angenehmsten die Mittagspause verbringen konnte. Obwohl er ein vietnamesisches Restaurant schon seit Längerem ausprobieren wollte, hatte er jetzt doch keine Lust, nein, bloß keine Experimente heute! Also, was blieb ihm außer den kleinen Bistros der Umgebung? Steakhaus oder Italiener. Kurz entschlossen bog er wieder zu seinem Italiener und setzte sich in die hinterste Ecke, weit weg von den großzügigen Fensterscheiben, die die gesamte Länge des Lokales ausmachten.

Ruhen, nur ruhen wollte er und essen, viel und gut essen. Er war aufgewühlt, ärgerlich und auch eigenartig erschöpft, ja, sein Beruf machte ihm nicht mehr so viel Freude wie früher, er fühlte sich zunehmend müde und heute auch noch gereizt. Deshalb, ungeachtet des Übergewichtes und der Kurzatmigkeit, bestellte er doch wieder eine üppige Vorspeise mit einer noch üppigeren Hauptspeise aus einem Berg von erlesenen Hausnudeln. Er wollte sich beruhigen. Er wollte nur die Ruhe genießen und essen. Und er wollte heute auch jetzt schon zur Mittagsstunde ausnahmsweise ein Gläschen Wein trinken, bevor er zum Schluss noch einen Cappuccino bestellte. Sich beruhigen und die schlechte Laune vom Vormittag wollte er hier loswerden.

Es hatte gleich mit der ersten Klientin um 8:30 Uhr begonnen. Vielleicht hätte er sie abweisen sollen, aber sie wartete schon seit mehreren Wochen auf einen Termin und es ging um ihr Testament, wie sie ihm am Telefon sagte, also Routinearbeit. Es gab zunächst keinen Grund, sie abzuweisen. Er kannte sie nicht und als sie im Vorzimmer der Sekretärin pünktlich zum Termin erschien, war er angenehm überrascht. Seine neue Klientin war eine kleine, zierliche alte Dame, wachsam, entschlossen und mit einer positiven Ausstrahlung. Sie war perfekt gekleidet, der Schnitt ihres Kostüms und ihres Mantels zeugte von ausgesuchtem Geschmack und doch war alles an ihr einfach. Vielleicht deshalb erreichte sie eine so starke Wirkung, weil die Kleidung mit ihrer Erscheinung im Einklang stand, sie unterstrich nur ihre Persönlichkeit.

Maria Böhm, wie seine Klientin hieß, kam gut vorbereitet; sie hatte ihr Testament selbst verfasst, es war sehr umfangreich und mit geübter Hand sauber auf mehreren DIN-A4-Seiten niedergeschrieben. Sie wurde in diesem Jahr 80 Jahre alt und kam erst jetzt auf die Idee, ihr Testament zu schreiben, dachte er, bevor er sich mit ihr in den Text vertiefte. Sie hatte keine, gar keine Verwandten und auch keine Kinder. Nicht in Deutschland und auch nicht im Ausland, wo sie geboren war und ihre Jugend verbracht hatte. Sie verfügte, wie sie im Text erwähnte, über Mobiliar und über eine gewisse Geldsumme, die ihm zwar nicht hoch erschien, die aber sicherlich mehr als ausreichend war für eine ehrenvolle Bestattung. Das Mobiliar hatte sie dem Hausmeister zugesprochen, die Geldsumme selbst, wie auch anders, sollte für ihre Bestattung aufgewendet werden.

Dann aber! Dann kam eine ganz detaillierte Choreografie für ihre Beerdigung mit so vielen Finessen, Anweisungen und Wünschen, dass er zunächst an einen Scherz ihrerseits dachte. Maria Böhm war aber offensichtlich im Vollbesitz ihrer geistigen und körperlichen Kräfte und gab energisch zu verstehen, dass es sich hier keinesfalls um Scherze handelte.

Sie saß ihm gegenüber auf einem bequemen Stuhl mit Seitenlehnen, war vollkommen entspannt, aber wachsam, ihr Oberkörper straff aufgerichtet und sie schaute ihm fest in die Augen. Dieser Wille! Also, sie meinte es ernst! Und das alles, die ganze Choreografie ihrer Bestattung, sollte noch dazu im Ausland stattfinden! Und er sollte der Testamentsvollstrecker werden! Hätte er nicht spätestens zu diesem Zeitpunkt ablehnen sollen? Ihr einen anderen Notar in Berlin oder anderswo empfehlen? Oder ohne Begründung ablehnen? Wortlos? Oder faszinierte sie ihn vielleicht sogar mit ihrem Vorhaben? Mit ihrem Mut? Sie schien genau zu wissen, was in ihm vorging, als sie gegen Ende des Gesprächs plötzlich mit sanftem Lächeln anmerkte, dass, wenn ihm die ganze Prozedur zu kompliziert erscheine, er es doch einfach delegieren könne. Ihr war nur außerordentlich wichtig, dass er die Verantwortung trug und für die ganze Durchführung bürgte.

Erst beim zweiten Glas Wein fühlte er sich wohl und entspannt. Er würde natürlich den ganzen Fall Maria Böhm seinem viel jüngeren Kollegen und Mitarbeiter David Stein übertragen. David, obwohl erst seit einigen Jahren in seiner Kanzlei tätig, verfügte schon über ausreichend Erfahrung und konnte erfinderisch auch mit komplizierten Fällen umgehen. Noch heute Nachmittag würde er mit ihm über die Akte Maria Böhm sprechen.






Über die Autorin:



Leontine Back wurde 1943 in Prag geboren und flüchtete 1974 in die BRD. Nach Studium und Referendariat Lehrtätigkeit in Bremen und später in Düsseldorf. Mit Eintritt in den Ruhestand 2003 Umzug nach Berlin.

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