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kugelschreiber

____________ Mila Herzlicht ____________

 

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Beitrag entnommen aus
»Collection deutscher Erzähler«
Ausgabe 2011
R.G.Fischer Verlag

Gesamter Beitrag als PDF-Datei

Auzug aus:

Anna – oder wie es ist, unsichtbar zu sein

[Meinem Grundschullehrer gewidmet]

Anna schreckte auf. Ihr Wecker hatte sie aus dem Schlaf gerissen. Müde und schlaftrunken rieb sich das Mädchen die Augen und sah auf den Wecker: sieben Uhr. Sie musste aufstehen, sich waschen und anziehen und nach dem Frühstück zur Schule. Also erhob sich Anna aus ihrem Bett und machte sich auf den Weg zum Bad.
Über den Flur gehend, wunderte sie sich, dass Wuschel, der Hund der Familie, nicht reagierte, als Anna an ihm vorbeiging. Sonst schaute Wuschel immer auf und wedelte mit dem Schwanz, wenn das Mädchen in seine Nähe kam. Anna dachte sich jedoch nichts weiter dabei und drückte die Klinke der Badezimmertür hinunter. Drinnen saß ihr Bruder auf der Toilette und man hätte den Eindruck haben können, er würde seine Schwester gar nicht bemerken. Das kam Anna nun doch sehr seltsam vor, denn Moritz machte jedes Mal einen Riesenaufstand, wenn ein Familienmitglied ins Bad kam, während er auf der Toilette saß. Wobei er aber auch nie die Tür verriegelte, damit ihn niemand bei seinem Geschäft störte. Selbst schuld, wenn man nicht abschließt, dachte Anna immer. Jedenfalls war es äußerst komisch, dass es Moritz nun plötzlich nichts mehr ausmachte, auf der Toilette gestört zu werden. Seine ältere Schwester dachte, auch gut, vielleicht stellt sich ja mein kleiner Bruder ab heute nicht mehr so an und sie begann einfach, sich zu waschen. Während Anna noch ihre morgendliche Katzenwäsche vornahm, ging Moritz hinter ihr vorbei und aus dem Bad. »Typisch«, ging es Anna durch den Kopf, »ohne die Hände zu waschen, nachdem er auf der Toilette war. Mein Bruder ist so ein Ferkel!« Und »Guten Morgen« sagen konnte er auch nicht, aber auch das war ja nichts Neues. Na ja, da Anna ein Morgenmuffel war, machte ihr dies nicht viel aus, ohnehin redete sie am Morgen ungern und hatte in diesem Fall nichts dagegen, schweigsam zu bleiben.
Nachdem Anna im Bad fertig war – sie war zwar nicht gar so unreinlich wie ihr Bruder, aber doch ein wenig wasserscheu –, ging sie zurück in ihr Zimmer, um sich anzuziehen.
Ein paar Minuten später kam Anna in die Küche, wo ihre Mutter gerade Schulbrote schmierte. »Hallo Mama!«, warf sie ihrer Mutter kurz zu, woraufhin das Mädchen sich an den Küchentisch setzte, wo bereits Annas Frühstück – Müsli mit Milch und Obst und eine Tasse Tee – zum Verzehr bereitstand. Seltsam, auch ihre Mama hatte gar nicht reagiert, als sie hereingekommen war und sie begrüßt hatte. Waren heute Morgen alle taub oder so sehr mit sich selbst beschäftigt? Oder schlecht gelaunt? Oder aber hatten sich etwa alle gegen Anna verschworen?
Während die Tochter noch über die ihr entgegengebrachte Ignoranz nachdachte, erschien der Vater in der Küche. Er setzte sich Anna gegenüber an den Tisch und fragte seine Frau, wo denn die Kinder blieben. »Aber ich sitze doch hier, Papa!«, meinte Anna kleinlaut und schon fast den Tränen nahe. Ihre Mutter meinte gerade, sie wisse auch nicht, wo die beiden mal wieder steckten, es sei doch jeden Morgen dasselbe Theater. Immer müsse man die Kinder antreiben, damit diese rechtzeitig zur Schule kamen.
Jetzt bestand kein Zweifel mehr! Keiner in der Familie nahm Anna heute wahr. Wie konnte das sein? Gestern war doch noch alles in Ordnung gewesen. Anna sah an sich selbst hinunter, betrachtete dann ihren rechten Arm und kniff hinein. Sie konnte alles von sich sehen, spürte auch ihren Arm. Konnte es sein, dass sie … Nein! Niemals. So etwas gab es doch nicht in der Wirklichkeit, im tatsächlichen Leben. Das gab’s doch nur in Büchern, im Film oder in Geschichten, die ihr Großvater ihr erzählte. UNSICHTBAR? War Anna tatsächlich für alle anderen nicht mehr zu sehen und wahrzunehmen? Nun brauchte sie Gewissheit.
Anna ging zu ihrer Mutter hinüber und tippte auf deren Schulter. Keine Reaktion. Daraufhin lief sie, schon fast verzweifelt, zum Vater und hob ihr Gesicht direkt vor seines, schaute ihm direkt in die Augen. Kein Zwinkern, kein Zurückweichen, nein, auch keinerlei Erwiderung seitens ihres Vaters, genau wie bei der Mutter.
Anna brach nun in Panik aus. Sie begann zu schreien: »Aber ihr müsst mich doch sehen! Sagt doch, dass ihr mich seht. Oh Gott!« Wieder keine Antwort von ihren Eltern. Null Reaktion. Die Tochter rüttelte an der Mutter. »Mama«, bettelte Anna, »schau mich doch an! Ich bin hier. Ihr müsst mich doch sehen! Gestern habt ihr mich doch auch noch wahrgenommen.«

Es half nichts. Ihre Eltern konnten sie offensichtlich weder sehen noch hören und auch nicht fühlen. ANNA WAR FÜR ALLE UND JEDEN UNSICHTBAR. Und nicht nur das, denn ihre Mitmenschen konnten sie auch nicht mehr hören oder spüren. Das Mädchen musste sich erst einmal setzen, um den ersten Schock zu verdauen. »Was soll ich nun tun?«, fragte sie sich. Anna überlegte angestrengt. Ihr wollte einfach nichts einfallen, wie sie sich bemerkbar machen konnte. Sie hätte natürlich ihre Teetasse umkippen und das Getränk über den Tisch laufen lassen können. Oder sollte sie einen Teller auf den Fliesenboden in der Küche schmeißen? Aber dann hätten sich ihre Eltern nur gewundert, wie das passiert wäre. Allerdings hätten ihre Eltern noch immer nicht gewusst, dass Anna dafür verantwortlich war, und sie trotzdem nicht wahrgenommen.
Anna zermarterte sich das Hirn, wie sie ihre Eltern auf sich aufmerksam machen konnte. Doch keine Idee wollte sich einstellen, wie das Mädchen Mutter und Vater klarmachen konnte, dass sie plötzlich unsichtbar war.
Sie beschloss, ruhig zu bleiben, sich nicht verrückt machen zu lassen und erst einmal so zu tun, als wäre alles in bester Ordnung. Anna atmete tief durch, um gelassen zu bleiben, und wollte erst einmal so tun, als wäre ein ganz gewöhnlicher Tag. Sie würde wie gewohnt zur Schule gehen.
Die Verabschiedung von ihrer Familie und Wuschel konnte sie sich heute sparen, da sie sowieso von keinem wahrgenommen wurde. Traurig machte sich das Mädchen auf den Weg zur Schule.
Zu allem Überdruss regnete es auch noch.

[…]








Über die Autorin:



Mila Herzlicht ist im Oktober 1971 in der Ortenau (Baden-Württemberg) geboren, wo sie bis 1996 lebte. Dann zog sie nach Stuttgart. Seit dem Jahr 2000 lebt sie in München. Mila ist als Beamtin tätig und beschäftigt sich in ihrer Freizeit unter anderem gerne mit Skifahren, Wandern, Laufen und Radeln sowie Lesen und Entspannen. Am wohlsten fühlt sie sich in der Natur. In ihrer Schulzeit schrieb sie bereits fantasiereiche Schulaufsätze.

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